Narration und die Evolution des Menschen

Text als pdf: Narration und die Evolution des Menschen – 2018-03-13

frontpage-02Mensch sein bedeutet, in und mit Geschichten zu leben. Jedes Objekt, das für uns einen emotio­nalen  Wert besitzt, besitzt diesen Wert, weil es eine Geschichte hat. Nachrichten sagen uns, was in der Welt passiert. Mythen geben unserem Leben einen Sinn. Unser Selbstverständnis ba­siert auf unserer Biografie: der Erzählung von uns selbst. Wir konsumieren fiktionale Geschichten als Buch, Hörbuch, Film und in Form von Com­pu­­ter­spielen. Tratsch und Klatsch faszinieren uns. Selbst Völker und Institutionen sind narrativ konstruiert. In welchem Verhältnis nun stehen der Mensch und die Geschichten, die er erzählt und die seinem Leben einen Sinn geben?

Die klassischen Geisteswissenschaften dachten das Verhältnis von Mensch und Geschichte wie folgt: Zunächst entstand der Mensch und dann entstand eine Kultur des Geschichtenerzählens. Es gibt also eine biologische Entwicklung und diese ist Grundlage der geistigen Fähigkeiten. Wofür diese Fähigkeiten dann genutzt werden, ist eine Frage der kulturellen Entwicklung und nichts ist so sehr Kultur wie Sprache und Erzählungen.

In der klassischen evolutionsbiologischen Sicht ist der Mensch ein Tier wie andere Tiere. Seine kognitiven Fähigkeiten sind vom Kampf ums Dasein in den Savannen Afrikas geprägt, und was sich an Kultur entwickelt, ist evolutionsbio­logisch unbedeutend. Über Sinn, Nar­ration und Mythos sagt die Theorie der Evolution des Menschen wenig. Das Problem der Entsteh­ung des menschlichen Altruismus und der Sprache gilt als ungelöst (Christiansen & Kirby, 2003).

Unsere Sicht auf das Verhältnis von Narration und Evolution des Menschen kehrt die klassische geisteswissenschaftliche Sichtweise um. Der Mensch ist nicht zuerst entstanden und dann kamen die Erzählkulturen hinzu, sondern die Sprache entsteht, um abwesende Handlungen zu reprä­sentieren, in einem konkreten evolutionären Szenario. Der Mensch und die Sprache entstehen für die Erzählung. Hierfür gibt es eine Fülle von Belegen, von denen zwei angeführt werden sollen:

(1) Seit ungefähr zehn Jahren kann man zeigen, dass Menschen eine beschleunigte Evolution durchlaufen haben. Die älteren Untersuchungen, die eine angeblich starke genetische Ähnlichkeit zwischen dem Menschen und seinem nächsten rezenten Verwandten, dem Schimpansen, festgestellt haben, haben tatsächlich nicht die genetische Divergenz, sondern die Zeit gemessen, die seit der Aufspaltung der Vorfahren der Schim­pansen und der Menschen vergangen ist. Neuere Untersuchungen zeigen eine etwa 14mal so schnelle Evolution des Menschen im Vergleich mit anderen Primaten (Lahn, et al., 2004).

(2) Syntax ist sowohl notwendig als auch hin­reichend für Sprache. Für die Syntax spielt das Verb eine zentrale Rolle. Einfache Sätze werden dadurch gebildet, dass ein Verb und die notwen­digen Argumente (Nomen in entsprechenden semantischen Rollen) syntaktisch verbunden werden (Tesnière, 1959). Verben verweisen auf Handlung. Durch reverse engineering lässt sich zei­gen, dass Sprache für die Darstellung abwesen­der Handlungen entstanden ist (von Heiseler, 2014). Darüber hinaus wird syn-taktische Kompe­tenz dort im Gehirn enkodiert, wo bei Primaten das Handlungs­verstehen enkodiert wird (Arbib, 2005).

Doch all dies wäre nicht viel mehr als eine gut begründete Spekulation, wenn man nicht in einem simulierbaren Modell zeigen könnte, wie Sprache in einem doppelten Feedbackloop ent­standen ist. Hierbei spielen Gruppenkonflikte und die weibliche Wahl wesentliche Rollen (von Heiseler, 2015). Der entscheidende Schritt zur Sprache ist die  Transformation eines auf die Vergangenheit weisenden Index in einen ersten gebärdeten Satz, in dem das Indiz eine seman­tische Rolle innerhalb der Syntax besetzt.

 

Till Nikolaus von Heiseler (Twitter) ist Philosoph und unabhängiger Forscher. 2013 erschien sein Buch “Friedrich Kittlers Flaschenpost”. In den Jahren 2008-2018 führte er ein Forschungsprojekt zur Evolution der menschlichen Sprache durch. Parallel dazu publizierte er in Fachzeitschriften und stellte seine  Hypothese auf Fachtagungen (u.a. EVOLANG) vor. Soeben hat er sein neues Buch „Die Evolution des menschlichen Geistes – Warum unser Denken an das Erzählen von Geschichten angepasst ist“ fertiggestellt.

Literaturverzeichnis

Arbib, M. A., 2005. From money-like action recognition to human language: An evolutionary framework for neurolinguistics. Behavioral and Brain Sciences, Volume 28, p. 105–167.

Christiansen, M. H. & Kirby, S., 2003. Language Evolution: The Hardest Problem in Science? In: Language Evolution. Oxford : Oxford University Press.

Lahn, B. et al., 2004. Accelerated Evolution of Nervous System Genes in the Origin of Homo sapiens. Cell, 29 December, Volume 119, p. 1027–1040.

Tesnière, L., 1959. Éléments de syntaxe structurale. Paris: Klincksieck.

von Heiseler, T. N., 2014. Language evoloved for storytelling in a super-fast evolution. In: R. L. C. Cartmill, ed. Evolution of Language. London: World Scientific, pp. 114-121.

von Heiseler, T. N., 2015. How Language Evolved as a Backchannel between Two Feedback Loops. Theoria et Historia Scientiarum.

 

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