Tragödie als Aufklärung

Ausschnitt aus dem Gespräch Friedrich Kittllers Flaschenpost an die Zukunft

“Einige Monate vor seinem Tod führte Friedrich Kittler ein längeres Gespräch mit dem Regisseur und Schriftsteller Till Nikolaus von Heiseler …  „Wir wollen uns Folgendes vorstellen: Alle Ihre Werke, alles, was Sie geschrieben und gesagt haben, ist verloren. … Und nun versuchen wir in einem einzigen Gespräch zu retten, was zu retten ist. Eine Flaschenpost an die Zukunft.“

Dass es sich um die Bitte um sein wissenschaftliches Vermächtnis handelte, war Kittler natürlich klar. Und Heiseler war gut vorbereitet. Er entlockte dem schwer kranken Wissenschaftler lebendige Antworten. Kittler ging oft ins Private hinein, verriet, dass er einige Zeit an Selbstmord dachte, gegen Ende des Gesprächs musste er schluchzen.” (Freitag, 19.09.2013 ) .

Till Nikolaus von Heiseler … da sagte ein Theatermensch, ein ehemaliger Freund von Heiner Müller, dass Theater eine ganz wichtige Funktion für die Demokratie gehabt hat.

Friedrich Kittler Das höre ich absolut ungern, da werde ich fuchsteufelswild. Das sagt jeder dahergelaufene Professor.

Till Nikolaus von Heiseler Und was mir dazu eingefallen ist, wenn man jetzt hier von etwas Neuem sprechen will, dass also das Theater an den althergebrachten Epistemen feilt, dann ist doch der Unterschied zu den archaischen Bräuchen, dass es die Rolle gibt. Die Rolle gibt es tatsächlich: als materielle Schriftrolle, und mit dieser ist die Differenz markiert zwischen dem Dargestellten und dem Darsteller, also dem Helden und dem Schauspieler. Und die Rolle also hat eine doppelte Bedeutung: einerseits ist es die Schriftrolle, die Schauspieler und Held auseinanderstemmt, und eben andererseits das, was wir Rolle nennen, genau eben diese Distanz: Da spielt jemand eine Rolle.

Friedrich Kittler Das ist der Punkt.

Till Nikolaus von Heiseler Also der Mythos wird aufgeführt. Aber nicht von einem Magier oder einem Medium, das von einem Gott ergriffen ist. Das macht den Unterschied zwischen den magisch-tribalen Gesellschaften und den Gottkönigen der ersten Hochkulturen einerseits und andererseits Athen aus. Es besteht diese Distanz und sie ist mit der Schriftrolle materiell vorhanden, und das wird eben auch noch einmal betont durch die Nennung der Autoren, die sich in einem Wettstreit befinden und die um den Preis konkurrieren. Die symbolische Kurzschrift für die Rolle – also die Schriftrolle – ist der Name des Autors, den das Publikum kennt und während der Aufführung mehr oder weniger im Kopf behält. Die Schrift ermöglicht damit die Rolle; dass eben jeder Schauspieler seine eigene Schriftrolle bekommt und sie allein, zu Hause, lernen kann, das setzt die Vokalschrift voraus, denn nur diese kann man allein studieren, wie ich von Ihnen lernen durfte, und damit ist sie auch die Voraussetzung dafür, dass der Dichter mit seinem Namen auftaucht und seine Leistung, die Leistung der Gestaltung – Überschuss der Dichtung über den Mythos – in Erscheinung tritt. Und die Rolle ist nunmehr ein Teil des Stückes: ein Part.

Friedrich Kittler Das ist doch viel schöner. Es geht ums Lesenlernen und um das Begreifen, was Schreiben ist. Und dass man Schrift auswendig lernen kann und laut aufsagen kann als Schauspieler. Die Rolle im Sinne der Papyrusrolle. Die siebzehntausend Athener – und Athenerinnen wohlgemerkt – erleben, dass die Schauspieler lesen können und Noten lesen können und dann auch tanzen und singen können. Und die Schrift ist in ihrer Abwesenheit präsent.

Link zum Buch: http://www.kulturverlag-kadmos.de/buch/friedrich-kittlers-flaschenpost-an-die-zukunft.html

Kritiken

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